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Partnerschaft und Behinderung

Erfahrungsbericht von Brigitte 

Für viele Menschen ist dies nicht vorstellbar: Einen Partner mit einer Behinderung – nein danke. Was geschieht denn bei einem Paar ohne Behinderung und der oder die Partnerin hat einen Unfall und sitzt deswegen plötzlich im Rollstuhl? Ist es dann eine andere Person, nicht mehr der oder die, die ich einmal liebte oder geliebt habe? Klar, Menschen können sich durch einen Schicksalsschlag verändern. Das muss man akzeptieren und respektieren. Ich kenne verschiedene Paare. Bei einigen ist nur der oder die Partnerin im Rollstuhl, dann solche ganz ohne Behinderung und dann noch diejenigen von denen beide eine Behinderung haben und auf den Rollstuhl angewiesen sind. In so einer Partnerschaft lebe ich.

Lange Zeit habe ich meiner Familie immer erzählt, einen Freund mit Behinderung werde ich nie haben. Aber oft kommt es anders als man es sich in seiner Fantasie vorstellt. Und es kam anders. Mein Freund hat eine Behinderung. Und er ist noch stärker behindert als ich es bin. Für meine Familie, besonders für meine Eltern war das am Anfang eine Katastrophe. Besonders dann, als ich mit ihm zusammen ziehen wollte. „Mensch Brigitte, da musst du die ganze Wohnung umbauen lassen und hast lauter Umtriebe. Willst du das wirklich? Kannst du ihn dann pflegen, das ist viel zu anstrengend für dich. Ausserdem brauchst du selber ja auch Hilfe und er kann dir gar nichts helfen. Hast du dir das gut überlegt?“ Das ist nur eine Auswahl von Fragen und Aussagen, die ich zu hören bekam. Nun leben wir seit 17 Jahren zusammen und alle kritischen Stimmen sind verstummt. Mein Freund wird in meiner Familie und in meinem Freundeskreis sehr gut akzeptiert.

Natürlich weiss ich, dass nicht alle Menschen mit Behinderungen eine Beziehung, geschweige denn, eine Partnerschaft haben können. Aber sehr viele wünschen sich eine. Vielfach getraut man sich nicht. Was ich aus eigener Erfahrung weiss: eine Partnerschaft zwischen zwei Menschen mit Behinderung ist in vielen Bereichen schwieriger und mühsamer. Aber es hat einen wichtigen Vorteil. Menschen mit Behinderungen müssen sich untereinander nicht erklären. Man wird verstanden, wenn Mal alles noch langsamer geht als sonst oder wenn man einfach einen schlechten Tag erwischt. Auch kann man gut über seine Ängste, was die Behinderung angeht, diskutieren. Oder über die zunehmenden Schmerzen oder Spastiken. Nichtbehinderte Menschen können noch so einfühlsam sein, sie können jedoch nicht im gleichen Masse nachvollziehen, wie es uns Menschen mit Behinderungen ergeht. Das funktioniert bei aller Liebe nicht.

Dann gibt es auch Menschen mit Behinderungen die krampfhaft jemanden für eine Partnerschaft suchen. Aus meiner Sicht finde ich das sehr gefährlich. Es gibt behinderte Frauen, die lernen via Internet oder Messenger jemanden kennen. Sie treffen sich zum ersten Mal und das einzige was der Typ den man kennengelernt hat dann will, ist Sex. Behinderte Frauen welche eine Beziehung suchen, nehmen diesen Sex gerne an, denn dann können sie endlich einmal fühlen, was sie sich so sehnlichst gewünscht haben. Nur kommt danach dann das böse Erwachen. Der Typ wollte nur Mal Sex mit einer Behinderten haben – mehr nicht. Und so werden viele Frauen mit Behinderungen ausgenutzt. Je nachdem wie oft sich dieses Drama abspielt, haben diese Frauen nie die Gelegenheit einen Partner zu finden und in einer Partnerschaft zu leben.

Viele Menschen, egal ob mit einer Behinderung oder ohne, haben ein Bild ihres perfekten Partners im Kopf. Die Medien gaukeln uns vor, wer oder was perfekt ist: bestimmt niemand mit einer sichtlichen Behinderung. Warum denn eigentlich nicht? Wer bestimmt, was oder wer perfekt ist? Eine Partnerschaft hat nichts mit Perfektion zu tun. Jede Partnerschaft ist individuell. Ein Mann oder eine Frau mit Behinderung kann genauso eine perfekte Person sein. Ich finde die Gesellschaft sollte von diesen seit Ewigkeiten vorherrschenden Klischees wegkommen.

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