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Devotee und Beziehung auf Augenhöhe: Woran erkenne ich echtes Interesse?

Von Mel von der Rollilounge / 31. August 2026

Mel ist Gründerin der Rollilounge, einem Ort für ehrliche Gespräche über Behinderung, Beziehungen, Anziehung und Begegnungen auf Augenhöhe. Neben informativen Beiträgen bietet die Rollilounge mit ihrem Discord-Channel auch die Möglichkeit, direkt mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen auszutauschen und neue Perspektiven kennenzulernen. Im folgenden Beitrag schreibt Mel über die Frage, woran man echtes Interesse und respektvolle Beziehungen erkennt. Die Rollilounge haben wir in den weiterführenden Links auf unserer Webseite verlinkt.

„Findet der eigentlich mich schön – oder nur meine Behinderung?“ Ich glaube, genau diese Frage kann ziemlich schnell im Raum stehen, wenn man beim Dating erfährt, dass das Gegenüber Devotee ist. Plötzlich bekommt ein eigentlich netter Kontakt ein Etikett. Und mit diesem Etikett kommen vielleicht Unsicherheit, schlechte Erfahrungen oder die Sorge: Bin ich für diesen Menschen überhaupt noch eine ganze Person? Ich kann diese Gedanken verstehen. Was ich allerdings schwierig finde, ist die Vorstellung, dass das Wort „Devotee“ allein schon genug sein soll, um einen Menschen einzuordnen.

Ich kenne Devotees, die respektvoll, empathisch und über lange Zeit ganz selbstverständlich nett bleiben. Und ich kenne Nachrichten, bei denen ich mir denke: Alter. Ernsthaft? Nur: Beides gibt es auch ausserhalb dieser Szene. Deshalb ist für mich die entscheidende Frage nicht: Ist dieser Mensch Devotee? Sondern: Wie behandelt dieser Mensch mich? Denn die Tatsache, dass jemand Menschen mit Behinderung oder bestimmte Merkmale einer Behinderung attraktiv findet, sagt noch erstaunlich wenig darüber aus, ob dieser Mensch zu einer Beziehung auf Augenhöhe fähig ist.

Was bedeutet ehrliches Interesse an einem Menschen mit Behinderung?

Eigentlich dasselbe wie bei jedem anderen Menschen auch. Ehrliches Interesse bedeutet für mich, dass jemand neugierig auf den Menschen hinter dem Profil wird. Was machst du gerne? Worüber kannst du stundenlang reden? Was bringt dich zum Lachen? Was kannst du überhaupt nicht ausstehen? Wie sieht dein Alltag aus? Was möchtest du von einer Beziehung? Was brauchst du, wenn es dir schlecht geht? Und ja: Die Behinderung darf dabei selbstverständlich vorkommen. Ich halte auch nichts von diesem berühmten „Ich sehe deine Behinderung gar nicht“. Doch. Natürlich darfst du sie sehen.

Eine Behinderung kann den Alltag beeinflussen. Sie kann beim Reisen eine Rolle spielen, beim Dating, bei Sexualität, bei Assistenz, bei spontanen Unternehmungen und bei tausend anderen Dingen. Sie künstlich unsichtbar zu machen, ist für mich genauso merkwürdig, wie ausschliesslich darüber zu sprechen. Echtes Interesse erkennt man vielmehr daran, dass beides nebeneinander existieren darf: Die Behinderung ist da. Und der ganze restliche Mensch auch.

Darf ein Devotee die Behinderung sexuell attraktiv finden?

Ja. Das ist wahrscheinlich der Punkt, bei dem ich mich deutlicher positioniere als manch andere Menschen. Ich sehe zunächst nichts grundsätzlich Falsches daran, wenn jemand einen Rollstuhl, bestimmte Bewegungen, körperliche Merkmale oder andere Aspekte einer Behinderung schön oder sexuell anziehend findet. Menschen begehren schliesslich nicht im luftleeren Raum. Wir finden Haare schön. Stimmen. Hände. Augen. Körperformen. Bewegungen. Gerüche. Bestimmte Arten zu lachen oder zu schauen. Warum sollte ausgerechnet bei Behinderung plötzlich gelten: Diesen Teil des Menschen darfst du akzeptieren – aber attraktiv finden darfst du ihn bitte nicht?

Für mich liegt der entscheidende Unterschied woanders: „Ich finde auch diesen Teil von dir attraktiv“ ist etwas völlig anderes als „Dieser Teil von dir ist das Einzige, was mich an dir interessiert.“ Eine sexuelle Präferenz ist deshalb nicht automatisch respektlos. Sie wird problematisch, wenn aus einem Menschen ein austauschbares Objekt für eine bestimmte Fantasie wird.

Wann wird aus Anziehung unangenehme Fetischisierung?

Für mich beginnt es dort, wo der Mensch zunehmend verschwindet. Wenn dein Gegenüber kaum etwas über dich wissen möchte, aber jedes Gespräch wieder bei deiner Behinderung landet. Wenn intime Fragen gestellt werden, obwohl ihr dafür überhaupt keine gemeinsame Ebene habt. Wenn Fotos verlangt werden. Wenn bestimmte Situationen eingefordert werden. Wenn dein Körper kommentiert wird, obwohl du deutlich machst, dass du das nicht möchtest. Oder wenn ein Nein plötzlich zur Einladung für eine Diskussion wird. Ein ziemlich hilfreicher Test ist deshalb: Was passiert, wenn du eine Grenze setzt? Ein respektvoller Mensch akzeptiert sie.

Vielleicht ist er enttäuscht. Vielleicht hat er es etwas anders eingeschätzt. Das darf alles sein. Aber ein Nein bleibt ein Nein. Wer diskutiert, drängelt, überredet, beleidigt reagiert oder zehn Minuten später auf anderem Weg dasselbe versucht, liefert dir ziemlich wertvolle Informationen über sich selbst. Und zwar wesentlich wertvollere als das Wort „Devotee“ in irgendeinem Profil.

Manchmal ist das Problem gar nicht Devotee – sondern fehlende Empathie

Ich habe selbst schon Situationen erlebt, bei denen ich wirklich sprachlos war. Vor Kurzem habe ich einem Mann mit Behinderung, den ich schon länger kenne, erzählt, dass mein Blutdruck gerade völlig durchdreht. Seine Reaktion?

Sinngemäss übersetzt: „Wirklich? Geht es dir gut? Allein der Gedanke an dich unter der Dusche hat gerade meinen Blutdruck in die Höhe getrieben.“

Ganz ehrlich: Das empfand ich in diesem Moment als übergriffig und nicht empathisch. Ich hatte ihm gerade von einem gesundheitlichen Problem erzählt. Statt bei meiner Sorge zu bleiben, machte er daraus ungefragt einen sexualisierten Kommentar. Und damit die Rollen klar sind: Er ist ein Mann mit Behinderung. Ich bin in dieser Situation die Devotee, nicht er. Seine Nachricht hatte mit Devotee-Sein nichts zu tun. Mein Problem war, dass er meine gesundheitliche Sorge sofort sexualisiert hat. Das ist für mich in erster Linie ein Problem von Empathie, Kommunikation und fehlendem Gespür für den Moment. Und Menschen, die sich so verhalten, gibt es überall.

Devotees haben kein Monopol auf schlechtes Benehmen. Sie tragen aber – wie jeder andere Mensch auch – die Verantwortung dafür, respektvoll mit ihren Wünschen und ihrer Sexualität umzugehen.

Woran erkennt man grenzüberschreitende Nachrichten?

Manchmal ist es wirklich nicht besonders subtil.

Eher keine gute erste Nachricht:

„Ich wollte schon immer mal etwas mit einer Rollstuhlfahrerin ausprobieren.“ Damit hat man sein Gegenüber innerhalb eines Satzes vom Menschen zum Erlebnisangebot degradiert. Auch ungefragte Fragen nach intimen körperlichen Funktionen, sexuellen Praktiken oder Details der Behinderung sind kein besonders eleganter Gesprächseinstieg. Und selbst vermeintlich nette Aussagen können schräg sein: „Deine Behinderung würde mich überhaupt nicht stören.“ Danke? Es hat allerdings auch niemand gefragt, ob sie dich stört.

Eine respektvolle Nachricht könnte dagegen ganz unspektakulär beginnen:

„Hey, ich bin über dein Profil gestolpert und finde deine Art sympathisch. Wenn du Lust hast, würde ich dich gerne kennenlernen.“ Ganz verrückt, ich weiss. Menschen darf man tatsächlich erst einmal wie Menschen anschreiben. Wenn die eigene Anziehung zu Menschen mit Behinderung für den Kontakt relevant ist, finde ich allerdings Ehrlichkeit wichtig. Zum Beispiel im weiteren Gespräch: „Ich möchte dir etwas offen sagen, bevor wir uns näher kennenlernen. Menschen mit Behinderung gehören auch zu dem, was ich attraktiv finde. Mir ist wichtig, dass du das weisst und selbst entscheiden kannst, wie du damit umgehen möchtest.“ Es geht mir dabei gar nicht um perfekte Formulierungen.

Es geht um die Haltung dahinter: Ehrlich sein, ohne den anderen damit zu überrollen.

Ehrlichkeit ist für mich Fairplay – auf beiden Seiten

Bei respektvoller Partnersuche halte ich frühe Transparenz für sinnvoll. Wenn jemand ganz gezielt Menschen mit Behinderung datet, weil diese Anziehung ein wesentlicher Teil seines Interesses ist, finde ich es unfair, das über Wochen oder Monate geheim zu halten. Der andere Mensch hat ein Recht darauf, das zu wissen. Nicht weil Devotee-Sein automatisch etwas Schlimmes wäre. Sondern weil er selbst entscheiden können soll: Damit fühle ich mich wohl. Oder: Nein, das möchte ich für mich nicht. Beides muss möglich sein.

Umgekehrt finde ich bei gezielter Partnersuche ebenso klare Worte wichtig: Eine relevante Behinderung sollte meiner Meinung nach vor dem ersten persönlichen Treffen offen angesprochen werden. Damit meine ich nicht, dass irgendjemand seine komplette Diagnose, Krankengeschichte oder intimste Details ins Datingprofil schreiben muss. Aber sobald ein konkretes Date geplant wird, halte ich diese Offenheit vorher für fair. Das ist meine persönliche Haltung: Beide sollen wissen, worauf sie sich einlassen, und frei entscheiden können, ob sie sich treffen möchten. Denn auch ein potenzielles Gegenüber darf feststellen:

Das kann oder möchte ich mir für eine Partnerschaft nicht vorstellen. Das kann wehtun. Trotzdem gehört auch Ablehnung zum Dating. Niemand schuldet einem anderen Menschen Anziehung oder eine Beziehung. Das gilt für Menschen mit und ohne Behinderung genauso wie für Devotees. Und genau deshalb halte ich Ehrlichkeit für so wichtig: Sie gibt beiden Seiten die Möglichkeit, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Die Behinderung darf Thema sein – sie darf nur nicht das einzige Thema sein

Ich würde beim Kennenlernen irgendwann ganz einfach darauf schauen, was zwischen zwei Menschen tatsächlich passiert. Worüber redet ihr? Geht es um Musik, Alltag, Arbeit, Haustiere, Politik, Sex, Urlaub, schlechte Serien, gute Restaurants und darüber, wer eigentlich immer die Zahnpastatube offen lässt? Oder landet jedes Gespräch spätestens nach drei Minuten wieder bei Rollstuhl, Spastik, Amputation, Assistenz oder irgendeinem anderen Aspekt der Behinderung? Dann würde ich zumindest genauer hinschauen. Auf der anderen Seite muss die Behinderung nicht krampfhaft ausgeklammert werden. Ein Partner darf Fragen stellen. Er darf lernen. Er darf helfen.

Er darf Unsicherheiten haben. Und er darf selbstverständlich Dinge an seinem Partner attraktiv finden, die mit dessen Behinderung zusammenhängen. Entscheidend ist, ob beide darüber sprechen können.

Was bedeutet Beziehung auf Augenhöhe?

Für mich bedeutet Beziehung auf Augenhöhe vor allem: Gleichwertigkeit. Nicht, dass beide Menschen dasselbe können. Nicht, dass beide immer exakt gleich viel leisten. Und auch nicht, dass niemals jemand Hilfe braucht. In einer Beziehung unterstützt man sich ohnehin gegenseitig. Vielleicht hilft ein Partner körperlich bei etwas. Und ein paar Tage später ist genau der Mensch, der körperlich Unterstützung braucht, derjenige, der den anderen emotional auffängt. Eine gute Beziehung besteht für mich aus Empathie, Kommunikation, gegenseitiger Unterstützung und dem Gefühl: Wir stehen auf derselben Ebene. Der nichtbehinderte Mensch ist nicht automatisch der Retter.

Der Mensch mit Behinderung ist nicht automatisch derjenige, der dankbar sein muss. Und ein Devotee bekommt ganz sicher keinen Sonderstatus, nur weil er etwas attraktiv findet, das andere vielleicht ablehnen würden. Augenhöhe bedeutet nicht, dass zwei Menschen dasselbe leisten. Augenhöhe bedeutet, dass beide denselben Wert haben.

Muss ich Angst haben, wenn mir ein Devotee schreibt?

Nein, allein wegen des Begriffs würde ich keine Angst haben. Aber ich würde hinschauen. Wie reagiert dieser Mensch auf ein Nein? Interessiert er sich auch für Themen ausserhalb deiner Behinderung? Kann er zuhören? Wie verhält er sich, wenn es dir schlecht geht? Bleibt er respektvoll, wenn er sexuell gerade nicht das bekommt, was er möchte? Kann er über seine Anziehung offen sprechen, ohne dich dafür verantwortlich zu machen? Fühlst du dich mit diesem Menschen gesehen – oder beobachtet? Das sind für mich wesentlich bessere Fragen als: „Ist er Devotee oder nicht?“ Und gleichzeitig gilt: Du musst niemandem eine Chance geben.

Auch nicht dem höflichsten, reflektiertesten und respektvollsten Devotee der Welt. Wenn du sagst: Diese Form von Anziehung fühlt sich für mich nicht gut an, dann reicht das vollkommen. Aber genauso darf ein anderer Mensch sagen: „Ich finde es schön, dass mein Partner auch genau die Dinge an mir begehrt, von denen mir andere vielleicht jahrelang erzählt haben, sie seien unattraktiv.“ Beides darf existieren.

Mein Fazit

Ich habe kein grundsätzliches Problem damit, dass Menschen Behinderung attraktiv finden. Ich habe ein Problem damit, wenn Menschen andere Menschen zu Gegenständen ihrer Sexualität machen. Das sind für mich zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Ein Devotee kann respektvoll, liebevoll, empathisch und beziehungsfähig sein. Ein Devotee kann sich vollkommen danebenbenehmen. Genau wie jeder andere Mensch auch. Deshalb würde ich Menschen mit Behinderung weder sagen: „Pass bloss auf, Devotees sind gefährlich“, noch: „Du musst dieser Anziehung offen gegenüberstehen.“ Ich würde etwas anderes sagen: Schau weniger auf das Etikett und mehr darauf, wie ein Mensch dich behandelt.

Du darfst Grenzen haben. Du darfst Nein sagen. Du darfst neugierig sein. Und du darfst auch geniessen, dass ein Mensch nicht nur trotz oder mit deiner Behinderung in dich verliebt ist, sondern vielleicht sogar manche Dinge an dir gerade deshalb wunderschön findet. Solange du dabei immer noch du selbst bleiben darfst.

Häufige Fragen

Kann ein Devotee einen Menschen mit Behinderung wirklich lieben?

Natürlich kann sexuelle Anziehung und echte emotionale Bindung gleichzeitig existieren. Entscheidend ist nicht allein, was jemanden körperlich anzieht, sondern ob Interesse, Respekt, Empathie und eine Beziehung auf Augenhöhe vorhanden sind.

Ist es Fetischisierung, einen Rollstuhl attraktiv zu finden?

Nicht automatisch. Problematisch wird es, wenn der Mensch auf den Rollstuhl oder andere Merkmale seiner Behinderung reduziert und hauptsächlich als Mittel für eine sexuelle Fantasie betrachtet wird.

Sollte ein Devotee beim Dating offen über seine Anziehung sprechen?

Ich persönlich finde frühe Ehrlichkeit fair. Das bedeutet nicht, mit einer sexuellen Fantasie ins erste Gespräch zu platzen. Aber wenn die Anziehung zu Menschen mit Behinderung wesentlich für das eigene Datinginteresse ist, sollte das Gegenüber die Chance bekommen, davon zu wissen und selbst zu entscheiden.

Woran erkenne ich grenzüberschreitendes Verhalten?

Ein wichtiges Zeichen ist der Umgang mit deinen Grenzen. Wer ein Nein ignoriert, sexualisierte Gespräche gegen deinen Willen weiterführt, intime Informationen einfordert oder dich ständig auf deine Behinderung reduziert, überschreitet Grenzen.

Muss ich einem respektvollen Devotee eine Chance geben?

Nein. Niemand hat Anspruch auf ein Date, Sex oder eine Beziehung. Auch ein vollkommen respektvoller Mensch darf abgelehnt werden. Genau das gehört zu Konsens und Selbstbestimmung.

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